ZUCKER

 

Im ersten Artikel hatten wir den Unterschied zwischen Traubenzucker und Fruchtzucker besprochen. Traubenzucker kann in jeder Zelle unseres Körpers aufgenommen und verstoffwechselt werden. Dagegen landet Fruchtzucker, ganz ähnlich wie Alkohol, immer in der Leber!

Nur die Leber besitzt den Transporter, der den Fruchtzucker überhaupt aus dem Blut aufnehmen kann. Daher muss sie jetzt auch alleine mit ihm fertig werden und ihn weiterverarbeiten. Dazu hat sie drei Möglichkeiten:

Fruchtzucker in der Leber

1. Die Leber kann den Fruchtzucker komplett zu Energie verbrennen und ihren eigenen Energiebedarf decken.

2. Die Leber kann den Fruchtzucker auch in Traubenzucker umbauen. Das passiert vor allem dann, wenn Traubenzucker gerade gebraucht wird und noch Platz in den Glykogenspeichern ist.

3. Die Leber wandelt den Fruchtzucker in Fett um. Dazu wird der Fruchtzucker zu Zwischenprodukten des Energiestoffwechsels abgebaut. Und aus diesen können ganz einfach neue Fettsäuren zusammengesetzt werden.

Die Leber baut besonders dann Fruchtzucker in Fett um, wenn sie schnell mit ihm fertig werden muss, weil er in großer Menge und mit hoher Geschwindigkeit in die Leber strömt. Wann ist das der Fall?

Zucker.

Zucker

Ursprünglich kam Zucker in unserer Ernährung kaum vor. Er ist zum Beispiel in geringen Mengen in reifen Obst enthalten und dabei gleichzeitig noch in Ballaststoffe verpackt, die seine Aufnahme verlangsamen.

Heute sieht es ganz anders aus: Zucker wird in Massen aus Zuckerrüben und Zuckerrohr gewonnen. Anschließend wird er nicht nur als Haushaltszucker weiterverkauft, sondern auch noch in allen möglichen Fertigprodukten weiterverarbeitet: Getränke, Süßigkeiten, Backwaren, Fast-Food, Snacks usw.

Man muss sich jetzt bewusst machen, dass damit unsere Aufnahme von Fruchtzucker enorm gestiegen ist. Um 1850 hat ein Mensch hierzulande gerade mal 4 g Fruchtzucker am Tag aufgenommen. Heute sind es im Durchschnitt schon 46 g! Und im Einzelfall auch erheblich mehr, je nachdem wie viel Zucker man isst.

Die Frage lautet nun, ob unsere Leber auf Dauer damit fertig wird oder ob das nicht deutlich zu viel Fruchtzucker ist?

 

Dr. Lustig und der Zucker

Ich möchte dir jetzt Dr. Robert Lustig vorstellen. Dr. Lustig ist ein Medizinprofessor an der University of California in San Francisco. Er ist ein Experte für Hormonstörungen und Übergewicht gerade im Kindes- und Jugendalter.

DrLustig

2009 ist er unfreiwillig zum Youtube-Star geworden. Seine Vorlesung „Sugar – A Bitter Truth“, in der er die Eigenarten des Stoffwechsels von Fruchtzucker erklärt, wurde auf der Videoplattform bereits über 5 Millionen mal abgerufen. Seine Arbeit fand seitdem in den Medien sehr viel Beachtung.

Mittlerweile hat er sich mit vielen anderen Experten zusammengeschlossen und engagiert sich stark gegen den Zucker, den er für das größte Problem bei Übergewicht und Stoffwechselkrankheiten hält. Um besser zu verstehen, wie er darauf kommt, möchte hier kurz seine Geschichte erzählen.

Dr. Lustig hat sich um Laufe seiner Arbeit um viele Kinder und Jugendliche gekümmert, die nach einer Verletzung des Gehirns unter Hormonproblemen litten. So zum Beispiel diese junge Frau aus Hawaii.

Patientin1

Das Mädchen erlitt bei einem Autounfall eine Kopfverletzung. Sie trug dabei keinen ernsthaften körperlichen Schaden davon, und konnte bald wieder nach Hause geschickt werden.

Allerdings schien das Mädchen nach dem Unfall nicht mehr die selbe zu sein. Sie klagte ständig über Hunger und hatte jegliche Lust auf Bewegung verloren. Außerdem nahm sie sehr schnell an Gewicht zu. Irgendetwas schien aus dem Lot geraten zu sein.

 

Leptin

Im Jahr 1994 gab es in der Medizin eine kleine Sensation, als das Hormon Leptin entdeckt wurde. Es ist vielleicht der wichtigste Faktor, der unser Körpergewicht und unseren Energiehaushalt reguliert.

Leptin funktioniert vereinfacht gesagt so:

Leptin wird erst einmal nur im Fettgewebe gebildet. Je mehr Fett das Fettgewebe speichert, desto mehr Leptin wird hergestellt und anschließend an das Blut abgegeben.

Der hohe Leptinspiegel wird jetzt im Gehirn registriert. Es weiß nun, dass wir volle Energiespeicher haben. Daraufhin bekommen wir Lust auf Bewegung, haben weniger Appetit und fühlen uns körperlich insgesamt wohl.

Leptin hoch

Jetzt kann man sich leicht vorstellen, was in einer Hungerphase passiert: Je mehr Fett das Fettgewebe verliert, desto weniger Leptin wird gebildet. Der Leptinspiegel im Blut sinkt.

Das Gehirn merkt nun, dass sich unsere Energiespeicher leeren, und leitet daraufhin überlebenswichtige Maßnahmen ein: Es verlangsamt den Stoffwechsel und senkt den allgemeinen Energieverbrauch. Das drückt nicht nur auf die Stimmung und das körperliche Wohlbefinden. Wir verlieren auch die Lust uns zu bewegen und bekommen vor allem gewaltigen Hunger!

Leptin niedrig

Das ist übrigens auch der Grund, warum das Abnehmen bei einer Diät mit der Zeit so schwierig wird.

Aber zurück zu unserer Patientin: Da man mittlerweile das Leptin verstanden hat, konnte man auch schnell herausfinden, was mit dem Mädchen nicht stimmt. Bei dem Unfall war nämlich der Teil des Gehirn beschädigt worden, der das Leptinsignal aus dem Blut wahrnimmt.

Das Gehirn konnte das Leptin also nicht mehr sehen. Und das wird jetzt vom Körper genauso interpretiert, als ob kein Leptin da wäre. In  der Folge schaltet das Gehirn nun in den Überlebensmouds: Es kommt zu starkem Hunger, massiver Gewichtszunahme und Bewegungsunlust.

Und hier kommt Dr. Lustig ins Spiel. Er ist, wie gesagt, auf genau diese Art von Hormonproblemen spezialisiert. Es gelang ihm, die Auswirkungen der Leptinstörung mit Medikamenten in den Griff zu bekommen.

Innerhalb kurzer Zeit verlor das Mädchen schließlich ihren unstillbaren Appetit und bekam wieder Lust auf Bewegung. Außerdem wurde sie rasch ihr Übergewicht los, ohne dabei eine gezielte Diät zu machen.

Patientin2

An diesem Beispiel kann man sehr deutlich sehen, wie stark sich das Leptin auf die Regulation des Körpergewichtes, sowie auf unser Essverhalten und unser Wohlbefinden auswirkt.

Dr. Lustig stellte sich jetzt folgende Frage: Leidet vielleicht jeder Übergewichtige unter einer Leptinstörung? Wenn du bis hierhin aufmerksam mitgedacht hast, wirst du jetzt genauso wie Dr. Lustig vor einem Rätsel stehen: Eigentlich darf es so etwas wie Übergewicht doch gar nicht geben, oder?

 

Das Übergewichts-Paradoxon

Ein übergewichtiger Mensch hat doch prall gefüllte Fettspeicher, richtig? Das bedeutet, er bildet jede Menge Leptin im Fettgewebe und müsste einen sehr hohen Leptinspiegel im Blut haben. Wenn ein hoher Leptinspiegel im Gehirn dafür sorgt, dass man richtig Lust auf Bewegung bekommt, kaum Hunger hat und sich super fühlt… warum ist dann bei so vielen Übergewichtigen genau das Gegenteil der Fall?

Leptin Paradox

Das Leptin scheint offensichtlich nicht so zu funktionieren, wie es soll. Heute wissen wir, dass es bestimmte Faktoren gibt, welche die Wirkung von Leptin im Gehirn abschwächen können. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn vermehrt entzündliche Prozesse im Körper stattfinden. Die wichtigsten Entzündungsherde sind dabei (kurz und knapp):

  • Schlechte Ernährung: In Studien wurde gezeigt, dass man nach einer typischen Fast-Food-Mahlzeit mit reichlich raffinierten Kohlenhydraten, deutlich höhere Entzündungswerte im Blut hat.
  • Rasche Gewichtszunahme und Übergewicht: Das ist, wie gesagt, reiner Stress für das Fettgewebe, und hebt die Entzündungswerte enorm an.
  • Darmprobleme: Viele Menschen haben eine gestörte Darmbarriere. Es können vermehrt Bakterien und Fremdstoffe zwischen den Darmzellen durchrutschen und in das Blut gelangen, wo sie nichts verloren haben. Das bringt das Immunsystem auf Hochtouren und die Entzündungswerte steigen.
  • Bewegungsmangel: Körperliche Aktivität hat eine stark entzündungssenkende Wirkung. Daher kann die Entzündungsneigung durch Bewegungsmangel steigen.

Die Forscher aus Kalifornien um Dr. Lustig können jetzt noch einen weiteren Faktor zu dieser Liste hinzufügen. Nach ihren Studien zu Folge ist auch ein hoher Insulinspiegel dazu in der Lage, das Leptinsignal im Gehirn zu blockieren!

Leptin-Resistenz

Das ist jetzt ein ganz wichtiges Puzzlestück im Verständnis des Übergewichts. Ein überhöhter Insulinspiegel sorgt nicht nur für massiven Fettaufbau im Fettgewebe, er kann nun auch das Leptinsignal im Gehirn unterdrücken. Wenn das Gehirn sein Leptin nicht sehen kann, ist das schließlich genauso, als ob kein Leptin da wäre. Und das ist nur im Hungerzustand der Fall. Das Gehirn schaltet jetzt in den Überlebensmodus. Ein Mensch bekommt dauerhaft Hunger, hat keine Lust sich zu bewegen und fühlt sich die meiste Zeit unwohl. Er wird mehr essen, als er braucht, und unnötige Bewegung vermeiden.

Nach diesem Erklärungsmodel sitzt ein übergewichtiger Mensch, der nach Hilfe sucht, ganz schön in der Patsche. Die meisten Ärzte und Ernährungsberater (so wie ich leider früher auch) werden ihm nämlich erklären, dass sein Übergewicht ein Problem seiner Kalorienbilanz ist: Er isst zu viel und bewegt sich zu wenig. Darum ist er übergewichtig. Ganz einfach. Daher kann die Lösung nur heißen: Weniger essen, mehr Bewegung! Und wenn ihm das nicht gelingt, fällt das in seine eigene Verantwortung. Dann mangelt es ihm halt an Bereitschaft zur Mitarbeit oder einfach nur an Willenskraft.

Nur hat der Übergewichtige möglicherweise ein Problem, welches genau das verhindert: Sein Gehirn kann das Leptin nicht sehen und glaubt daher, der Körper befindet sich im Hungerzustand. Stell dir vor, du würdest einen verhungernden Menschen dazu auffordern, nicht mehr so viel ans Essen zu denken und sich mal mehr zu bewegen, anstatt immer so träge zu sein…

In diesem Fall ist der Hunger und die Bewegungsarmut ein hormonell getriebenes Verhalten, das man mit sturer Willenskraft nicht durchbrechen kann. Man muss vielmehr die Ursache des Problems lösen: Der überhöhte Insulinspiegel, der das Leptinsignal blockiert.

 

Zucker

Die Frage lautet also: Woher kommt das ganze Insulin? Diese Frage kannst du inzwischen selbst sehr gut beantworten, denn hier sind wir wieder bei der Insulinresistenz angekommen. Die wichtigsten Ursachen für Insulinresistenz waren Stress, Überernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel, genetische Veranlagung und vor allem eine verfettete Leber.

Die Fettleber ist längst keine typische Alkoholikerkrankheit mehr, sondern hat sich in der Bevölkerung massiv ausgebreitet. Und dabei scheint unser hoher Zuckerkonsum am meisten beizutragen: Zucker wird sehr schnell verdaut und spült große Mengen Fruchtzucker in die Leber. Dort wird er dann bevorzugt in Fett umgewandelt und kann auf Dauer zur Leberverfettung führen.

Puh, gar nicht so einfach das ganze, oder?

Warum lassen wir den Professor das nicht am besten selber erklären: Die University of California hat mit ihm zusammen diese Dokumentation gemacht, die du dir mal in Ruhe anschauen solltest. Leider gibt es keine deutsche Übersetzung, aber dafür ist sie sehr einfach und verständlich gehalten.

Ich hoffe, du konntest gut folgen. Ich fasse trotzdem nochmal die Kernaussagen des Films zusammen:

  • Der Zuckerkonsum ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Vor allem haben dazu gezuckerte Getränke, Fast-Food und billiger Süßkram beigetragen.
  • Dadurch nehmen wir auch ziemlich viel Fruchtzucker auf. Sehr wahrscheinlich mehr, als unsere Leber verkraften kann. Sie kann auf Dauer verfetten.
  • Eine verfettete Leber verliert zunehmend ihre Insulinempfindlichkeit. Sie wird also insulinresistent.
  • Eine insulinresistente Leber nimmt weniger Traubenzucker auf und kann den Blutzuckerspiegel nicht mehr gut kontrollieren. Jetzt haben wir einen ständig erhöhten Blutzuckerspiegel.
  • Der hohe Blutzuckerspiegel lässt den Körper ständig zu viel Insulin in das Blut pumpen.
  • Der hohe Insulinspiegel stört die Regulation und das Gleichgewicht des Fettgewebes. Es wird dauerhaft auf Fettspeicherung eingestellt. Das führt schnell zu Übergewicht.
  • Je mehr Energie das fehlgesteuerte Fettgewebe speichert, desto weniger Energie steht dem restlichem Körper (Muskeln, Leber, Nerven etc.) zur Verfügung. Man bekommt schnell wieder Hunger!
  • Gleichzeitig unterdrückt das ganze Insulin das Leptinsignal im Gehirn. Auch das Gehirn befindet sich jetzt im Hungermodus und löst genau dieses paradoxe Verhalten aus, das man von vielen Übergewichtigen kennt: Überernährung und Bewegungsunlust trotz prall gefüllter Energiespeicher.
  • Auf Dauer führt der gestörte Insulinspiegel zu ernsthaften Stoffwechselstörungen, die wir unter dem Begriff metabolisches Syndrom zusammenfassen.
  • Das metabolische Syndrom ist die Grundlage, auf der sich die typischen Zivilisationskrankheiten besonders schnell und früh entwickeln: Diabetes, Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose), Herzinfarkt, Krebs, Gicht, PCOS, Demenz etc.
  • Und weil das alles noch nicht genug ist, scheint Zucker sogar ein gewisses Suchtpotenzial zu besitzen…

 

Droge Zucker?

Es gibt viele Dinge, die uns glücklich machen: Gutes Essen, Erfolgserlebnisse, soziale Beziehungen, Sex, Sport, Spielen usw. Wenn man genau hinschaut, ist das alles kein Zufall.

Unser Gehirn arbeitet mit einem Belohnungssystem, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstärken, die uns im Leben weiterbringen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Substanzen, die gezielt auf das Belohnungszentrum einwirken und positive Gefühle auslösen können, wie zum Beispiel diverse Drogen und Alkohol.

Jedenfalls kann man nach allem, was das Belohnungszentrum aktiviert, in irgendeiner Form auch süchtig werden: Esssucht, Erfolgssucht, Geltungssucht, Sexsucht, Sportsucht, Spielsucht, Drogensucht, Alkoholsucht usw. Meistens beginnt es damit, dass man den gleichen Reiz immer wiederholt. Mit der Zeit kommt es zu Gewöhnungseffekten, die den Reiz abschwächen. Jetzt muss man ihn immer weiter verstärken, um noch weiter das selbe zu spüren. Damit schleicht sich langsam eine Abhängigkeit ein. Wenn man eines Tages seinen Reiz nicht mehr bekommt, wird das Belohnungszetrum nicht mehr ausreichend stimuliert. Und ein totes Belohnungszentrum fühlt sich etwa genauso schlimm an, wie eine Depression: Man ist unfähig, glücklich zu sein.

Mittlerweile ist klar, dass auch Zucker dazu in der Lage ist, das Belohnungszentrum sehr stark zu aktivieren. Das hat ursprünglich auch sehr viel Sinn gemacht: Es gibt so gut wie nichts in der Natur, was süß schmeckt und für uns giftig wäre. Im Gegenteil: Der süße Geschmack signalisiert uns schnelle und frei verfügbare Energie. Also belohnt uns das Gehirn dafür, dass wir Zucker essen. Die Frage ist nun, ob das nicht auch zu einer gewissen Abhängigkeit führen kann, wenn wir die ganze Zeit Zucker essen. In der Forschung wurde diese These schon mehrfach bestätigt und vor allem in Tierversuchen eindrucksvoll demonstriert.

Der Spiegel hatte im Jahr 2012 ein Titelthema daraus gemacht, in dem auch ein großer Teil der Arbeit von Dr. Lustig vorgestellt wird. Mittlerweile ist er frei im Spiegelarchiv zugänglich, falls du mal reinschauen möchtest. In der Mediathek habe ich außerdem schon einige interessante Vorträge und Dokus zu dem Thema gesammelt.

Spiegel Droge Zucker

Im nächsten Artikel schließen wir dann das Thema Kohlenhydrate ab und fassen das Wichtigste noch einmal zusammen.


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